Kapitel 4
Landidylle und Großstadtflair
Vor Jahren hatte ich den US-Spielfilm "der bunte Schleier" mit Naomi Watts gesehen, eine Pest-Tragödie mit denkbar schlechtem Ausgang für die Protagonisten, aber mit episch schönen Aufnahmen von der spärlich besiedelten Karstlandschaft am Li Fluss. Dor also sollte unser nächstes Etappenziel sein. Einen größeren Bruch zum urbanen Shanghai kann man sich nicht vorstellen. Von Guillin aus nahmen wir den Bus nach Yangshuo, der Provinzstadt am Li Fluss. Eine Stadt mit überraschend viel Infrastruktur - und überraschend vielen Touristen. Wir flüchteten und landeten schließlich auf einem alten umgebauten Bauernhof am Fluss, in tiefster ländlicher Provinz. Umgeben von Karstgipfeln, Wasserbüffeln, wilden Enten und saftig grüne Reisfeldern. Was für ein Glück - was für eine verträumte Idylle.
Am Morgen folgten wir mit den Fahrrädern dem Flusslauf des Yulong He hinauf bis zur alten Drachenbrücke, vorbei an historischen Dörfern, romantischen Fischfarmen, knorrigen Reisbauern und uralten Banyanbäumen. Zurück ging es auf einem improvisierten Bambusfloß den Fluss hinunter; ein magisches, surreales, fast geräuschloses Gleiten mit überwältigenden Ausblicken. Wir waren die einzigen Menschen weit und breit und kamen uns vor wie in einem Filmzusammenschnitt aus "Apokalypse Now", "Herr der Fliegen" und "Jurassic Park".
Heißhungrig stürzten wir uns am Abend auf den schon vorbestellten berühmten "Bierfisch" (pijiu yu), einen frittierten Marmorkarpfen aus der Region, den man zuvor einen Tag lang in Bier einlegt. Dazu gab es natürlich Reis, der in China fast ausschließlich aus dem Süden kommt. Trotz des Einsatzes so genannter Hybridzüchtungen müssen die Chinesen mittlerweile auf Importe zurückgreifen, um das Milliardenvolk zu versorgen.
Fast schon klischeehaft wurden wir am nächsten Morgen von dem Hofgockel geweckt und besuchten den berüchtigten Bauernmarkt in Yangshou. Das Markttreiben fängt bei Sonnenaufgang an und ist erst beendet, wenn alles verkauft ist - zum Kühlen gibt's hier schließlich keine Möglichkeit. Der Marktbesuch ist wahrlich nichts für Feinfühlige - hier herrscht ein "Blutrausch" sondergleichen: frisch geköpfte Hühner, dampfende Kutteln, zuckende Fischeingeweide, lebende Piranhas und Muränen in Styroporboxen, lebende Frösche, die mit einer Schere halbiert
werden, und - ja, Hunde, gebraten am Spieß. Eine Spezialität, die übrigens schon am Kaiserhof Tradition hatte. Allerdings werden hierfür nur speziell gezüchtete Hunde verwendet. Und das Angebot der "Canis Lupus" beschränkt sich heute ausschließlich auf den Süden des Landes. Das einzige, was hier so gut wie nie im Angebot zu finden ist, sind Rohmilcherzeugnisse. Nicht zuletzt auch wegen der hohen genetischen Laktoseintoleranz, die in dieser Gegend besonders ausgeprägt ist und von der ca. 90% der Bevölkerung betroffen sind.
Noch berauscht von der beeindruckenden Floßtour am Vortag wiederholten wir das Programm am nächsten Tag, nur diesmal auf dem größeren Li Fluss. Wiederum wurden wir mit großartigen Panoramabildern belohnt.
Am Folgetag machten wir uns mit dem Bus auf zu unserem letzten großen Ziel der Reise: Hong Kong!
Die Stadt ist eigentlich ein eigenständiger Kosmos, den man unmöglich mit den zuvor besuchten Orten vergleichen kann - dachten wir. Zu unserer großen Überraschung fanden wir in Hong Kong aber noch mehr vom alten China als in Shanghai: Die Märkte sind authentischer und vielfältiger - manche sind gar sortenrein. So gibt es Straßen, in denen fast ausschließlich mit Schwalbennestern, Fischblasen und Seegurken gehandelt wird. Andere wiederum haben sich auf Haifischflossen, Krokodil- und Tigerpräparate spezialisiert. Auch Schildkrötenfleisch, dessen Verzehr ein langes Leben verspricht, wird hier angeboten. Stark vertreten sind auch die Heil und Teepflanzenhändler in der Temple Street. Für manches Produkt wird oft ein ganzes Vermögen ausgegeben, nur weil man sich ein noch Größeres davon verspricht. "Farzei" ist ein solches Produkt: eine Art Seegras, das in der Wüste wächst. Es schmeckt wie eine Mischung aus Moos und Alge, ist unglaublich teuer, sehr selten und soll den Konsumenten glücklich und reich machen. Ein bisschen Mythos schadet nie: Marketing, made in China!
Hong Kong besitzt mehr als 250 im Michelin-Führer erwähnte Restaurants und verfügt über einen der besten Hotelstandards der Welt. Dazu kommen noch all die anderen lokalen, hervorragenden Essensmöglichkeiten mitsamt den einzigartigen Märkten überall in der Stadt. Viel zu viele Möglichkeiten, die wir in den noch verbleibenden 3 Tagen leider nicht alle ausschöpfen konnten.
Lesen Sie im letzten Kapitel ab 26. April: Bernd Bachofer besucht das ungewöhnlichste und wahrscheinlich billigste Sterne- Restaurant der Welt.