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Erst innehalten – dann handeln!


Prof. Dr. Angela Geissler (58) ist Meditationslehrerin an der Zen Business Academy in Buchenberg bei Kempten im Allgäu. Seit 17 Jahren leitet die Mutter von zwei Kindern als Chefärztin die Abteilung Radiologie und Nuklearmedizin am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart.

Frau Prof. Geissler, was ist Achtsamkeit?

Wach und aufmerksam wahrnehmen, was gerade in diesem Augenblick geschieht. Den Körper, Gedanken, Gefühle, die Umwelt wahrnehmen. Klingt simpel. Der Versuch zeigt, dass wir sofort beginnen einzuordnen und zu bewerten. Zum Beispiel ein Geräusch. Wir denken, das ist ein Auto oder Lärm. Wir können nicht einfach nur die Schwingungen wahrnehmen. In den kleinen Momenten, in welchen es gelingt, die Dinge einfach mal nur stehen zu lassen, öffnet sich ein Raum für neue Ideen, eine andere Sichtweise, mehr Gelassenheit. Achtsamkeit hat nichts mit „du musst jetzt“, sondern etwas mit Innehalten zu tun. Den Moment und damit sich selbst wahrzunehmen. Wer Yoga macht, kennt diese Momente und erlebt eine ganz grundlegende Beruhigung und Entschleunigung.

Welche Schlüsselwörter gehen mit ihr einher?

Betrachtet man den historischen Begriff, sati, dann entspricht dieser zunächst einmal einer Art der aufmerksamen Wahrnehmung, der Verbindung, der Erinnerung, der Wachheit. In den westlichen Sprachen existiert kein Begriff, der alle Facetten von Sati umfassen würde. Mindfulness ist eine geniale Wortschöpfung, die zumindest Teilaspekte des alten buddhistischen sati umfasst. Die englische Übersetzung mindfulness, impliziert in direkter Form, dass das Bewusstsein, mind, im Fokus steht. Die Verbindung zu Erinnerungen und deren transientem Charakter ist aber nur in der eigentlichen Übung erfahrbar. Die deutsche Übersetzung von sati mit Achtsamkeit erfasst einen noch kleineren Anteil dieses, in der buddhistischen Tradition, zentralen Konzepts.

Wer hat den Begriff Achtsamkeit geprägt?

Der Begriff geht auf den historischen Buddha zurück. In der Sammlung der Lehrreden des Buddha, die viele Jahre nach seinem Tod aufgezeichnet wurden, finden sich Übungen der Achtsamkeit. In der Moderne ist Achtsamkeit die griffigste deutsche Übersetzung.

Warum beschäftigen sich gerade jetzt so viele Menschen mit diesem Thema?

Hektik, getrieben sein, Dinge ohne nachzudenken tun und im Multitasking-Wahn zu versinken – die Menschen spüren, dass hier etwas nicht richtig ist. Oft wird erst nachträglich klar, dass eine Blitzentscheidung, eine E-Mail, ein Anruf, mehr Schaden als Nutzen angerichtet haben. Die Achtsamkeit ist hier ein segensreiches Werkzeug, vollkommen präsent im Augenblick zu sein, ohne in alte Geschichten, Gefühlsmuster der Wertung und Abwertung verstrickt zu sein. Sie öffnet die Tür für neue Perspektiven. Kurz inne‑halten, dann handeln. Neurophysiologisch führen diese Übungen zu nachhaltigen Veränderungen in unserem Gehirn, weg aus automatisieren Reaktionsmustern, hin zu mehr Gelassenheit.

Achtsamkeit – wie kann ich sie erlernen?

Achtsamkeit ist eng mit den klassischen Übungen der Meditation verbunden. Am besten sucht man sich eine Gruppe, einen Workshop, ein Seminar, um eine erste Anleitung zu erhalten. In einer solchen Übungssituation wird viel deutlicher, wie schwer es uns fällt, die Dinge zunächst einfach nur aufmerksam zu betrachten, wahrzunehmen und zu spüren. Ohne eine solche Erfahrung und die regelmäßige Übung ist es sehr schwer, achtsam zu sein. Ich konnte es selbst nicht glauben, als ich es zum ersten Mal erlebt habe. Es geht tatsächlich darum, es selbst zu erfahren. Das ist schwierig zu beschreiben. Und auch nicht aus Büchern zu lernen.

Wie kann ich sie in einen stressigen Alltag integrieren?

Regelmäßige Meditation ist der Anker der Achtsamkeit. Dann gibt es viele Übungen Achtsamkeit im Alltag zu praktizieren. Man kann eine rote Ampel als Störenfried auf dem Weg betrachten, oder als willkommene kleine Pause einfach kurz inne zu halten. Den eigenen Atem wahrzunehmen, aus dem Gedankengewurbel auszusteigen und mit jedem bewussten Atemzug einen kleinen Freiraum zu gewinnen, der Kraft für den Tag gibt. Einmal nur zu duschen, das Wasser auf der Haut spüren. Wir sind selten dort, wo unser Körper ist. Meist sind wir mit den Gedanken schon weit weg. Das erzeugt Stress.

Welche Rolle spielt Achtsamkeit beim Essen und Trinken?

Achtsamkeit ist die Mutter des wahren Genusses. Sind wir beim Essen völlig von Geruch, Geschmack und Textur der Speisen eingenommen, ist dies eine wunderbare Erfahrung. Einfach nur essen, einfach nur genießen. Nebenwirkungen sind häufig, dass zum ersten Mal klar wird, wie geschmacklos manche Speisen sind, die wir in uns hineinstopfen. Eine vielleicht überraschende weitere Wirkung ist, dass wir plötzlich wieder spüren, wann wir genug gegessen haben um glücklich zu sein. Mindful eating, sich darüber klar zu werden – was tue ich gerade? Was treibt mich, weiter zu essen obwohl ich eigentlich satt bin? Menschen essen auf einmal weniger, sie rauchen weniger, sie trinken weniger, dies aber mit mehr Freude.

Wirkt sich die achtsame Lebensweise auf die Psyche aus?

Achtsamkeit zu praktizieren, hat weitreichende Folgen für die Psyche. Achtsamkeit ist integraler Bestandteil aller klassischen Meditationsformen und vieler therapeutischer Ansätze. Sie ist Bestandteil von Behandlungsprogrammen für Menschen mit Depressionen, Traumata, Angststörungen. Sie senkt das Stresslevel und verbessert die kognitive Leistungsfähigkeit. Wir werden offener, gelassener, kreativer und können mit schwierigen Situationen besser umgehen.

Was bedeutet Achtsamkeit für den Umgang mit mir selbst?

Je mehr ich mich auf die Präsenz im Augenblick einlassen kann, desto klarer erkenne ich mich selbst. Meine Bedürfnisse, meine Gefühle, meine Widerstände. Liebevoll und neugierig zu betrachten, wer bin ich, mit allem was da ist. Mich selbst zu finden, wie ich wirklich bin. Dann einfach zu akzeptieren, was ich selbst bin, ist eine der schwierigsten Übungen überhaupt. Diese Akzeptanz ist der größte Schlüssel, gut mit mir selbst umgehen zu können. Sie kann zu Momenten großer Beglückung führen.

Und für den Umgang mit anderen?

Achtsamkeit schließt andere Menschen immer ein. Zu spüren, wie geht es diesen? Wahrnehmen zu können, wo Problemfelder liegen. Die Bereitschaft sich in die Schuhe des Anderen zu stellen. Die Auswirkungen achtsamen Handelns sind erheblich. Einem anderen Menschen in vollkommener Präsenz zu zuhören, ohne diesen gleich zu unterbrechen, kann eine Gesprächssituation vollkommen verändern. Auch unsere Schlüsse und Handlungen. Nicht sofort zu reagieren, wenn ich angegriffen werde, sondern eine kleine Pause entstehen lassen, in welcher ich spüren kann, was passiert hier eigentlich gerade? Und danach erst zu reagieren, dies ist sehr hilfreich. Je häufiger Menschen meditieren und sich in Achtsamkeit üben, desto stärker schleifen sich Stressmuster und konditionierte Handlungen ab und machen einer bewussteren (weiseren) Reaktionsweise Platz. Und wenn man sich selbst und seine Verhaltensmuster ändert, verändert sich auch das Umfeld.

Was sind die Feinde der Achtsamkeit?

Unachtsamkeit. Fehlende Übung. Sich treiben lassen von negativen Erinnerungen, die uns wieder und wieder dieselben Geschichten erzählen. Uns Kraft rauben und Stress erzeugen. Wir sind dann irgendwo, nur nicht im jetzigen Moment. Aber gerade diese lange mit uns verbundenen Geschichten sind extrem hartnäckig, tauchen immer wieder auf, machen uns unglücklich und bedürfen immer wieder aufs Neue der Übung.

Was hat Achtsamkeit mit Zen zu tun?

Achtsamkeit ist ein zentrales Element des Zen. Im Daishin Zen, einer westlichen Zen Form, ist Achtsamkeit eines der vier Schlüsselelemente der Meditation. Zazen, die Meditation im Sitzen, ist dann die Übung, in der man mit allem was gerade da ist, in der Stille sitzt. Nur wahrnimmt, was gerade geschieht. Nicht bewertet, sich nicht einfangen lässt von Gedanken und Gefühlen. Einfach nur sitzen, wie Loriot sehr treffend sagt. Am Anfang sitzt man dann im Lärm der Stille. Den lärmenden Gedanken im Kopf, die ungefiltert, permanent entstehen, unseren Alltag bestimmen und uns Kraft kosten.

Warum ist Achtsamkeit gerade für Führungskräfte wichtig?

Achtsamkeit ist ein sehr wirkkräftiger Weg der Führungskräfteentwicklung. Wenn ich in der Lage bin, meine eigenen Bedürfnisse, Potentiale, Fähigkeiten und Hindernisse immer klarer zu erkennen, wird sich die Handlungsweise verändern. Genauso gelingt es immer besser, die Potentiale und Grenzen der Mitarbeiter, der Kunden, der Vorstandskollegen wahr zu nehmen. Dies verändert die Kommunikation und die Führung nachhaltig. Verändert sich eine Führungskraft, verändert sich auch das Umfeld. Tatsächliche Transformation, Change, werden möglich. Offenheit, statt Engstirnigkeit, entweder- oder kann zu sowohl - als auch werden. Gelassenheit im Angesicht der Turbulenzen dieser Welt, die Stabilität im Inneren statt der Instabilität im Außen.

Unvorhersehbare Situationen, rasch wechselnde Rahmenbedingungen sind dann einfach was sie sind. Unvorhersehbar. Das Achtsamkeitstraining, die Zen Meditation, machen es viel einfacher, die Chancen im Unbekannten zu entdecken. Zu sehen, wo sind es meine eigenen inneren Widerhaken, die mich daran hindern eine Situation zunächst gelassen zu betrachten. Folge ich beständig diesem Übungsweg, und Zen war schon immer eine Trainingsform für Führungskräfte, dann lösen sich die eigenen Problemzonen nach und nach auf. Damit auch die Angst vor dem Unwägbaren. Wahrhaft authentisch führen heißt in mir selbst ruhend, klare Entscheidungen treffen zu können. Mühelos andere Meinungen, divergente Ansichten in die Entscheidung einfließen zu lassen. Demut in der Führung, ein Schlüsselelement in großen Studien.

Was lehren Sie in der Zen Business Academy?

Hauptschwerpunkt der Zen Business Academy ist der Transfer des alten östlichen Wissens in unsere heutige Geschäftswelt. Die an unsere Bedürfnisse angepassten Übungen, die im Daishin Zen entwickelt wurden, werden mit Elementen der traditionell westlichen Führungskräfte Entwicklung verbunden. Die Meditationsübungen selbst, sind eine Art Universaltool, das wie ein Generalschlüssel die in uns ruhenden Fähigkeiten und Potentiale öffnet. Die heute so oft genannten Eigenschaften moderner Führung wie Agility, level 5 leadership, hologratic leadership, diversity … können sich so nahezu von selbst entwickeln. Man könnte fast sagen, diese Eigenschaften entstehen als ‚Nebenwirkungen‘ des Meditationstrainings. Eigentlich sind sie Ausdruck der Transformation der Führungskräfte, weg aus neurotischen, egogetriebenen Machtdemonstrationen, hin zur kreativen Leichtigkeit des Seins.

Das Ergebnis ist mehr Klarheit, mehr Kraft und mehr Gelassenheit. Raus aus dem Hamsterrad der Stressfalle. Selbst unterrichte ich häufig weibliche Führungskräfte. Hier existiert ein schwierig zu lösendes Paradoxon, Frauen die in der Führung ganz oben angekommen sind, unterscheiden sich kaum von ihren männlichen Kollegen. Weibliche Führungseigenschaften werden aber in großen Studien als extrem wertvoll für die Unternehmensentwicklung beschrieben. Wege zu finden, dass Frauen ihre weiblichen Führungseigenschaften behalten oder wiederentdecken, scheint essentiell. Aber auch, weibliche Führungseigenschaften für Männer zu erschließen. Was behindert und was bedeutet eigentlich Transformation, Change, Veränderung? Warum ist dies so schwierig?

Menschen und Gruppen zu begleiten, die bereit sind sich selbst zu treffen (gnothi seauton, im platonischen Sinne) und mit ihrer Veränderung den Anstoß für die Transformation im Unternehmen, der Politik, der Verwaltung zu geben, ist ein weiterer Schwerpunkt meiner Tätigkeit.

Haben Sie zum Abschluss eine kurze Achtsamkeits-Übung für uns?

Eine wunderbare kleine Übung ist es, einmal nur Zähne zu putzen. Versuchen Sie an nichts zu denken. Machen Sie zwei bis drei bewusste Atemzüge, spüren Sie den Atem durch den Körper ziehen. Dann putzen Sie ihre Zähne. Die Zahncreme spüren, riechen, schmecken. Die Bürste auf dem Zahlfleisch wahrnehmen. Vielleicht das Surren der elektrischen Zahnbürste hören. Wenn Gedanken auftauchen, sich Geschichten einfinden, Emotionen und Widerstände auftauchen, zurück zum Augenblick. Nur Zähne putzen. Wenn dies gar nicht gelingt, stellen sie sich auf ein Bein, dann weiter putzen. Nach dieser kleinen Übung fängt der Tag etwas gelassener und kraftvoller an. Eine Minipause zum Auftanken.

www.zen-kloster.de
www.zenbusinessacademy.de